Wie ich lerne, mich in neuen Gruppen zurechtzufinden
Manchmal reicht ein einziger Pferdeäpfelteppich um sechs Uhr morgens, um etwas über sich selbst zu lernen.
Was angelegte Ohren beim Pferd damit zu tun haben? Mehr, als ich zunächst dachte.
Wir haben eine neue Stute im Stall. Bevor ein neues Pferd in die Herde kommt, verbringt es zunächst einige Zeit in der sogenannten Integrationsbox. Das ist ein abgegrenzter Bereich direkt neben dem Offenstall. Dort kann sich der Neuankömmling bewegen, während sich die Pferde über den Zaun hinweg kennenlernen können.
Eine Woche lang wird beschnuppert, beobachtet und vorsichtig Kontakt aufgenommen. Für die Pferde ist das der normale Weg, um herauszufinden, mit wem sie es zu tun haben. Für mich als Stallfee bedeutet die Integrationswoche vor allem: Chaos.
Normalerweise liegen die Pferdeäpfel mehr oder weniger in Haufen auf der gesamten Offenstallanlage verteilt. Während der Integrationswoche ist das anders. Alles, was vor dem Zaun der Box liegt, wird zertrampelt, auseinandergezogen und grosszügig verteilt.
So bekomme ich früh am Morgen einen Teppich ausgelegt. Wortwörtlich.
Mein erster Gedanke ist dann meistens: «Oh, so’n Scheiss. Sie haben sich wieder richtig Mühe gegeben. Danke auch.»
Beim zweiten Blick hilft nur noch Humor. «Sie haben mir wieder den Teppich ausgelegt», sage ich zu mir selbst und greife zu Besen und Mistschaufel.
Was die Ohren verraten, bevor es kracht
Die Pferde reagierten ganz unterschiedlich auf die neue Stute. Einige waren neugierig, kamen nah an den Zaun heran und richteten die Ohren aufmerksam nach vorn. Andere blieben lieber etwas weiter entfernt, machten einen langen Hals und versuchten, die Neue erst einmal aus sicherer Entfernung einzuschätzen.
Nur ein Wallach reagierte deutlich heftiger. Normalerweise verhält er sich gegenüber anderen Pferden recht gelassen. Doch sobald er die neue Stute sah, stürmte er auf sie zu und machte ihr unmissverständlich klar, dass sie Abstand halten sollte.
Ob er damit seine Stute verteidigen wollte, weiss ich nicht. Kurios war die Situation trotzdem: Die Neue ist die Tochter einer Stute, die schon länger bei uns im Stall lebt. Auch bei der späteren Zusammenführung mit der Herde zeigte sich der Wallach alles andere als gnädig. Er hielt die neue Stute auf Abstand und machte seine Grenze sehr heftig und deutlich klar.
Die Stute selbst reagierte erstaunlich besonnen. Sie beobachtete, registrierte die Signale der anderen und wich zurück, sobald angelegte Ohren oder ein drohend gesenkter Kopf in ihre Richtung kamen.
Kein Kampf und kein unnötiges Drama – zumindest nicht gegenüber ranghöheren Tieren. Traf sie auf ein ranggleiches oder rangniedrigeres Pferd, kämpfte sie mit der Hinterhand auch mal um ihren Platz, schliesslich musste ihre Stellung in der Herde auch noch klar machen. Aber sobald sie merkte, dass das Gegenüber ranghöher war, ging sie drei Schritte zurück, wartete ab und versuchte es später noch einmal.
Pferde verständigen sich zu einem grossen Teil über ihre Körpersprache. Angelegte Ohren beim Pferd sind dabei ein ziemlich deutliches Signal: Bis hierhin und nicht weiter. Auch ein gesenkter Kopf oder ein angespannter Körper geben Hinweise darauf, wie das Gegenüber gerade auf ein anderes Pferd oder eine Situation reagiert.
Wer diese kleinen Signale rechtzeitig erkennt, kann Abstand halten, bevor die Situation unangenehm wird.
Während ich die neue Stute beobachtete, musste ich daran denken, wie ähnlich ich mich manchmal in einer neuen Gruppe verhalte.

Der Moment, in dem ich selbst auf angelegte Ohren traf
Eine ähnliche Situation habe ich selbst schon erlebt. Ich stand mit einer Gruppe Frauen zusammen, die sich schon lange kannten und eng miteinander befreundet waren. Sie unterhielten sich über Kindersport – zumindest glaube ich, dass es darum ging, ist schliesslich schon eine Weile her.
Bis dahin hatte ich hauptsächlich zugehört und die anderen beobachtet. Irgendwann kam ein Punkt, zu dem ich ebenfalls etwas sagen konnte. Also platzte ich mit meiner Aussage heraus, ohne auf den richtigen Moment zu warten oder mich vorsichtig in das Gespräch einzuklinken.
Die Frauen schauten mich verdutzt an. Keine ging auf das ein, was ich gesagt hatte. Das Gespräch lief einfach weiter und ich stand da mit dem Gefühl, gerade einen unsichtbaren Kreis betreten zu haben, in dem für mich noch kein Platz vorgesehen war.
Vielleicht war mein Einwurf ungünstig. Vielleicht waren die Frauen so sehr in ihrem vertrauten Gespräch, dass sie nicht wussten, wie sie darauf reagieren sollten. Ich weiss es bis heute nicht.
Ihre Reaktion war trotzdem deutlich. Fast wie ein paar angelegte Ohren, nur unter Menschen.
Erst beobachten, dann näherkommen
Seitdem gehe ich in neuen Gruppen etwas vorsichtiger vor. Wenn ich in ein neues Team komme, einen neuen Job anfange oder auf Menschen treffe, die sich untereinander bereits gut kennen, beobachte ich zunächst.
Wer kennt sich schon lange? Wer redet viel und wer hält sich eher zurück? Wie gehen die Menschen miteinander um? Welche unausgesprochenen Regeln gibt es und wo ist Raum, mich einzubringen?
Dabei geht es nicht darum, mich kleinzumachen oder mich vollständig an eine Gruppe anzupassen. Ich möchte zuerst verstehen, wie die anderen miteinander umgehen, bevor ich meinen Platz darin suche.
Manchmal gehe ich gedanklich zwei oder drei Schritte näher und warte dann wieder ab. Nicht aus Angst, sondern weil ich die Situation besser einschätzen möchte.
Natürlich platze ich trotzdem gelegentlich irgendwo hinein. Manchmal merke ich es sofort. Dann begegnen mir zwar keine Pferdeköpfe mit angelegten Ohren, aber die menschlichen Signale können genauso deutlich sein.
Ein Schritt zurück ist nicht immer ein Rückschritt
Die neue Stute hat mir gezeigt, dass Zurückweichen nicht automatisch Unsicherheit bedeutet. Manchmal ist es einfach eine kluge Reaktion: erst beobachten, Abstand halten und später noch einmal vorsichtig näherkommen.
In einer neuen Gruppe anzukommen, ist ein Prozess. Bei Pferden genauso wie bei Menschen. Es braucht Neugier, Aufmerksamkeit und manchmal eben auch drei Schritte zurück, bevor man den nächsten nach vorn macht.
Und gelegentlich braucht es zusätzlich einen Pferdeäpfelteppich um sechs Uhr morgens, damit man diese Erkenntnis nicht so schnell wieder vergisst.
Hast du dich auch schon einmal in eine vertraute Gruppe gewagt und gemerkt, dass du den richtigen Moment verpasst hast? Oder gehörst du eher zu den Menschen, die zunächst beobachten und sich langsam herantasten? Schreib mir gern, wie du solche Situationen erlebst.