Was ich beim Gymkhana verpasst habe

Gezeichnete Illustration vom Birkenhof mit Pferden, Ponys und Menschen, mit dem Schild „home sweet home“

Ich war nicht dabei. Und ausgerechnet an diesem Tag hätte ich eigentlich ganz gerne Mäuschen gespielt.

Bei uns im Pensionsstall fand Anfang September ein Gymkhana statt. Das Motto: Home Sweet Home. Ich selbst musste den Tag auslassen. Also blieb mir hinterher nur eine Möglichkeit: Die Teilnehmer*innen mussten mir erzählen, was ich verpasst hatte.

der Flyer zur Gymkhana

Ich habe deshalb in die Runde gefragt und zehn Personen, die dabei waren, antworteten. Reiterinnen, Pferdeführerinnen, Helferinnen, Organisatorinnen und jemanden, der das Ganze vom Rand aus beobachtet hat.

Und erstaunlicherweise ergibt sich aus diesen zehn Blickwinkeln ein ziemlich klares Bild.

Vor allem sollte es Spass machen

Ich hatte die Stimmung auf einer Skala von 1 für „sportlich-ernst“ bis 5 für „locker und lustig“ einschätzen lassen. Acht von zehn gaben eine glatte 5, die anderen beiden eine 4. Damit wäre diese Frage wohl geklärt.

Es ging an diesem Tag ganz offensichtlich weniger um verbissenen Ehrgeiz und viel mehr darum, gemeinsam etwas zu erleben. Und vermutlich ist genau das der Grund, warum solche Stalltage besonders in Erinnerung bleiben.

Home Sweet Home – einmal quer durchs Haus

Das Motto war nicht nur irgendeine Überschrift. Der Parcours war tatsächlich wie ein Zuhause aufgebaut. Es gab einen Eingangsbereich, eine Küche, ein Kinderzimmer und sogar ein Badezimmer. Pferd und Mensch mussten gemeinsam durch dieses etwas ungewöhnliche Haus navigieren.

Da wurde ein Tor geöffnet und wieder geschlossen, geklingelt, gemalt und vom Pferderücken aus der eigene Name auf eine Leinwand geschrieben. In der Küche mussten unter anderem Karotten, Äpfel und Heu verteilt und Wasser eingeschenkt werden.

Der Parcoursverlauf zeigt an, wo gestartet wird, die Reihenfolge der Stationen und das Ziel.

Im Kinderzimmer wartete ein Bobby-Car. Im Badezimmer musste ein Duschvorhang geöffnet werden und Pingpongbälle sollten aus einem Becken gefischt und in einer kleinen WC-Schüssel versenkt werden.

Dazwischen gab es Slalom, Stangen, Kleider und Hüte zu transportieren – und natürlich noch einige andere Aufgaben.

Bevor es losging, durften alle den Parcours ohne Pferd anschauen. Vermutlich keine schlechte Idee. Denn spätestens mit Pferd können auch die harmlosesten Gegenstände plötzlich eine ganz eigene Bedeutung bekommen.

Von Klopapierrollen und anderen Hindernissen

Verkleiden war erlaubt, zwingend war es nicht.

Die meisten verzichteten darauf. Eine Teilnehmerin schrieb mir ganz pragmatisch: Sie habe so spontan mitgemacht, dass für eine Verkleidung schlicht keine Zeit mehr gewesen sei. Einige liessen es sich trotzdem nicht nehmen.

Gabi trat als überdimensionierte Klopapierrolle an – ein Kostüm, das sie nach eigener Aussage durchaus etwas bremste. Überraschend ist das vermutlich nicht.

Zwischen den Stangen laufen.
Hier wird zwischen den Stangen gelaufen.

Eine Pferdeführerin entschied sich für einen Kuschel-Jumpsuit. Der machte beim Parcours keine grösseren Schwierigkeiten, war allerdings, wie sie trocken feststellte, „ein bisschen warm“.

Und eine weitere Teilnehmerin absolvierte den Parcours mit einem Handtuch um den Körper und einem zweiten auf dem Kopf. Wahrscheinlich kam sie gerade erst aus der Dusche. Selbst ihr Pferd war passend herausgeputzt: Es trug Lockenwickler. Eben ganz Hausfrau. Bei einem Motto wie „Home Sweet Home“ hätte es wahrscheinlich kaum besser passen können.

Der Abfallsack, der Havanna gar nicht gefiel

Eine Geschichte tauchte in den Antworten besonders schön auf.

Olivia sass auf Havanna und war fast am Ende des Parcours angekommen. Jetzt nur noch schnell den Abfallsack schnappen und ab in die Tonne damit. Ihr Gedanke: zum Schluss noch einmal einen Zacken zulegen. Keine gute Idee.

Sie wollte den Sack möglichst unauffällig greifen und hatte dabei offenbar nicht bedacht, dass ein Abfallsack Geräusche machen kann. Havanna bemerkte ihn sehr wohl. Es folgte ein rückwärtiger Seitengalopp und der Sack landete mit einem „Plop“ wieder auf dem Boden.

Olivia hat ihre eigene Lektion daraus bereits gezogen:

„Denk nie zum Schluss: Jetzt noch schnell einen Zacken zulegen.„

Pferde haben bei solchen Plänen gelegentlich ihre eigene Meinung.

Pferde entdecken ihre ganz persönlichen Aufgaben

Auch andere Pferde interpretierten den Parcours offenbar etwas freier.

Eines fand beispielsweise die Plastikblumen der Dekoration ausgesprochen interessant – allerdings weniger als Hindernis und mehr als möglichen Snack.

Für Karin blieb dagegen etwas ganz anderes hängen: die Gelassenheit ihrer sonst eher ungeduldigen Stute Xacara. Wer mehr von Karin und ihren Pferden sehen bzw. lesen will: Offenstall Aeugstertal.

Gerade das finde ich spannend an solchen Veranstaltungen. Man baut einen Parcours auf und denkt sich Aufgaben für Pferd und Mensch aus – und am Ende zeigt einem manchmal das eigene Pferd, welche Aufgabe an diesem Tag wirklich die wichtigste war.

Und dann war da noch die Focaccia

Natürlich bestand der Tag nicht nur aus Pferden und Parcours.

Zum Abschluss gab es eine Siegerehrung und anschliessend wurde gemeinsam gegessen. Jeder brachte etwas mit: Salate, Desserts und das eigene Grillgut. Wobei Letzteres bei einer Helferin zuhause auf der Anrichte liegen blieb, während alle anderen längst im Stall waren. Passiert.

„Ich wusste nicht, dass ein Brot auch ein Gemälde sein kann.“

Ein völlig anderes Highlight hatte Olivia: die von Isa dekorierte Focaccia. Ihre Beschreibung dazu:

Ich war zwar nicht dabei, aber spätestens an dieser Stelle hätte ich gerne ein Stück davon gehabt.

Würden sie es wieder machen?

Auch das habe ich gefragt. Neun von zehn würden sofort wieder mitmachen. Die zehnte Antwort war ein „eher schon“. Ein klares Nein gab es nicht.

Beim Wetter waren sich die Erinnerungen übrigens deutlich weniger einig. Von sonnig und warm über bewölkt bis Regen war alles dabei. Also vermutlich genau das Wetter, das man Anfang September in der Schweiz erwarten darf: von allem etwas.

Zehn Menschen, zehn Blickwinkel – und trotzdem dieselbe Geschichte

Ich war nicht dabei und kann deshalb nicht erzählen, wie sich dieser Tag für mich angefühlt hat. Aber ich kann erzählen, was bei den anderen davon hängen geblieben ist.

Ein Pferd, das durch einen Abfallsack einen Satz macht. Ein anderes, das Plastikblumen fressen möchte. Eine riesige Klopapierrolle. Vergessenes Grillgut. Eine aussergewöhnlich schöne Focaccia. Und vor allem ziemlich viele Menschen, die gemeinsam einen Tag im Stall verbracht haben. Genau deshalb sind solche Veranstaltungen Gold wert.

Im normalen Stallalltag begegnet man sich zwischen Pferd holen, Misten, Putzen und Reiten. Man redet kurz, hilft sich vielleicht gegenseitig und geht danach wieder seinen eigenen Dingen nach. Bei einem Gymkhana ist das anders. Da wird gemeinsam vorbereitet, ausprobiert, gelacht, zugeschaut, gegessen und hinterher noch eine Weile über die Geschichten gesprochen.

Vielleicht schweissen deshalb gar nicht unbedingt die grossen Ereignisse eine Stallgemeinschaft zusammen. Vielleicht sind es eher die Geschichten, über die man Wochen später immer noch lachen kann.

Danke an alle zehn, die meine Fragen beantwortet und mir damit ein kleines Stück von diesem Tag mitgegeben haben.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert