Autor: Antje Brügger

  • Was ich beim Gymkhana verpasst habe

    Was ich beim Gymkhana verpasst habe

    Ich war nicht dabei. Und ausgerechnet an diesem Tag hätte ich eigentlich ganz gerne Mäuschen gespielt.

    Bei uns im Pensionsstall fand Anfang September ein Gymkhana statt. Das Motto: Home Sweet Home. Ich selbst musste den Tag auslassen. Also blieb mir hinterher nur eine Möglichkeit: Die Teilnehmer*innen mussten mir erzählen, was ich verpasst hatte.

    der Flyer zur Gymkhana

    Ich habe deshalb in die Runde gefragt und zehn Personen, die dabei waren, antworteten. Reiterinnen, Pferdeführerinnen, Helferinnen, Organisatorinnen und jemanden, der das Ganze vom Rand aus beobachtet hat.

    Und erstaunlicherweise ergibt sich aus diesen zehn Blickwinkeln ein ziemlich klares Bild.

    Vor allem sollte es Spass machen

    Ich hatte die Stimmung auf einer Skala von 1 für „sportlich-ernst“ bis 5 für „locker und lustig“ einschätzen lassen. Acht von zehn gaben eine glatte 5, die anderen beiden eine 4. Damit wäre diese Frage wohl geklärt.

    Es ging an diesem Tag ganz offensichtlich weniger um verbissenen Ehrgeiz und viel mehr darum, gemeinsam etwas zu erleben. Und vermutlich ist genau das der Grund, warum solche Stalltage besonders in Erinnerung bleiben.

    Home Sweet Home – einmal quer durchs Haus

    Das Motto war nicht nur irgendeine Überschrift. Der Parcours war tatsächlich wie ein Zuhause aufgebaut. Es gab einen Eingangsbereich, eine Küche, ein Kinderzimmer und sogar ein Badezimmer. Pferd und Mensch mussten gemeinsam durch dieses etwas ungewöhnliche Haus navigieren.

    Da wurde ein Tor geöffnet und wieder geschlossen, geklingelt, gemalt und vom Pferderücken aus der eigene Name auf eine Leinwand geschrieben. In der Küche mussten unter anderem Karotten, Äpfel und Heu verteilt und Wasser eingeschenkt werden.

    Der Parcoursverlauf zeigt an, wo gestartet wird, die Reihenfolge der Stationen und das Ziel.

    Im Kinderzimmer wartete ein Bobby-Car. Im Badezimmer musste ein Duschvorhang geöffnet werden und Pingpongbälle sollten aus einem Becken gefischt und in einer kleinen WC-Schüssel versenkt werden.

    Dazwischen gab es Slalom, Stangen, Kleider und Hüte zu transportieren – und natürlich noch einige andere Aufgaben.

    Bevor es losging, durften alle den Parcours ohne Pferd anschauen. Vermutlich keine schlechte Idee. Denn spätestens mit Pferd können auch die harmlosesten Gegenstände plötzlich eine ganz eigene Bedeutung bekommen.

    Von Klopapierrollen und anderen Hindernissen

    Verkleiden war erlaubt, zwingend war es nicht.

    Die meisten verzichteten darauf. Eine Teilnehmerin schrieb mir ganz pragmatisch: Sie habe so spontan mitgemacht, dass für eine Verkleidung schlicht keine Zeit mehr gewesen sei. Einige liessen es sich trotzdem nicht nehmen.

    Gabi trat als überdimensionierte Klopapierrolle an – ein Kostüm, das sie nach eigener Aussage durchaus etwas bremste. Überraschend ist das vermutlich nicht.

    Zwischen den Stangen laufen.
    Hier wird zwischen den Stangen gelaufen.

    Eine Pferdeführerin entschied sich für einen Kuschel-Jumpsuit. Der machte beim Parcours keine grösseren Schwierigkeiten, war allerdings, wie sie trocken feststellte, „ein bisschen warm“.

    Und eine weitere Teilnehmerin absolvierte den Parcours mit einem Handtuch um den Körper und einem zweiten auf dem Kopf. Wahrscheinlich kam sie gerade erst aus der Dusche. Selbst ihr Pferd war passend herausgeputzt: Es trug Lockenwickler. Eben ganz Hausfrau. Bei einem Motto wie „Home Sweet Home“ hätte es wahrscheinlich kaum besser passen können.

    Der Abfallsack, der Havanna gar nicht gefiel

    Eine Geschichte tauchte in den Antworten besonders schön auf.

    Olivia sass auf Havanna und war fast am Ende des Parcours angekommen. Jetzt nur noch schnell den Abfallsack schnappen und ab in die Tonne damit. Ihr Gedanke: zum Schluss noch einmal einen Zacken zulegen. Keine gute Idee.

    Sie wollte den Sack möglichst unauffällig greifen und hatte dabei offenbar nicht bedacht, dass ein Abfallsack Geräusche machen kann. Havanna bemerkte ihn sehr wohl. Es folgte ein rückwärtiger Seitengalopp und der Sack landete mit einem „Plop“ wieder auf dem Boden.

    Olivia hat ihre eigene Lektion daraus bereits gezogen:

    „Denk nie zum Schluss: Jetzt noch schnell einen Zacken zulegen.„

    Pferde haben bei solchen Plänen gelegentlich ihre eigene Meinung.

    Pferde entdecken ihre ganz persönlichen Aufgaben

    Auch andere Pferde interpretierten den Parcours offenbar etwas freier.

    Eines fand beispielsweise die Plastikblumen der Dekoration ausgesprochen interessant – allerdings weniger als Hindernis und mehr als möglichen Snack.

    Für Karin blieb dagegen etwas ganz anderes hängen: die Gelassenheit ihrer sonst eher ungeduldigen Stute Xacara. Wer mehr von Karin und ihren Pferden sehen bzw. lesen will: Offenstall Aeugstertal.

    Gerade das finde ich spannend an solchen Veranstaltungen. Man baut einen Parcours auf und denkt sich Aufgaben für Pferd und Mensch aus – und am Ende zeigt einem manchmal das eigene Pferd, welche Aufgabe an diesem Tag wirklich die wichtigste war.

    Und dann war da noch die Focaccia

    Natürlich bestand der Tag nicht nur aus Pferden und Parcours.

    Zum Abschluss gab es eine Siegerehrung und anschliessend wurde gemeinsam gegessen. Jeder brachte etwas mit: Salate, Desserts und das eigene Grillgut. Wobei Letzteres bei einer Helferin zuhause auf der Anrichte liegen blieb, während alle anderen längst im Stall waren. Passiert.

    „Ich wusste nicht, dass ein Brot auch ein Gemälde sein kann.“

    Ein völlig anderes Highlight hatte Olivia: die von Isa dekorierte Focaccia. Ihre Beschreibung dazu:

    Ich war zwar nicht dabei, aber spätestens an dieser Stelle hätte ich gerne ein Stück davon gehabt.

    Würden sie es wieder machen?

    Auch das habe ich gefragt. Neun von zehn würden sofort wieder mitmachen. Die zehnte Antwort war ein „eher schon“. Ein klares Nein gab es nicht.

    Beim Wetter waren sich die Erinnerungen übrigens deutlich weniger einig. Von sonnig und warm über bewölkt bis Regen war alles dabei. Also vermutlich genau das Wetter, das man Anfang September in der Schweiz erwarten darf: von allem etwas.

    Zehn Menschen, zehn Blickwinkel – und trotzdem dieselbe Geschichte

    Ich war nicht dabei und kann deshalb nicht erzählen, wie sich dieser Tag für mich angefühlt hat. Aber ich kann erzählen, was bei den anderen davon hängen geblieben ist.

    Ein Pferd, das durch einen Abfallsack einen Satz macht. Ein anderes, das Plastikblumen fressen möchte. Eine riesige Klopapierrolle. Vergessenes Grillgut. Eine aussergewöhnlich schöne Focaccia. Und vor allem ziemlich viele Menschen, die gemeinsam einen Tag im Stall verbracht haben. Genau deshalb sind solche Veranstaltungen Gold wert.

    Im normalen Stallalltag begegnet man sich zwischen Pferd holen, Misten, Putzen und Reiten. Man redet kurz, hilft sich vielleicht gegenseitig und geht danach wieder seinen eigenen Dingen nach. Bei einem Gymkhana ist das anders. Da wird gemeinsam vorbereitet, ausprobiert, gelacht, zugeschaut, gegessen und hinterher noch eine Weile über die Geschichten gesprochen.

    Vielleicht schweissen deshalb gar nicht unbedingt die grossen Ereignisse eine Stallgemeinschaft zusammen. Vielleicht sind es eher die Geschichten, über die man Wochen später immer noch lachen kann.

    Danke an alle zehn, die meine Fragen beantwortet und mir damit ein kleines Stück von diesem Tag mitgegeben haben.

  • Herdentrieb: Warum fünf leere Fressboxen niemanden interessieren

    Herdentrieb: Warum fünf leere Fressboxen niemanden interessieren

    Wie deutlich sich der Herdentrieb bei Pferden zeigen kann, habe ich heute Morgen wieder beobachtet. Ich habe die drei Islandpferde aus dem kleinen Stall auf die Weide gelassen – und wie fast jedes Mal bot sich dasselbe Bild: Knuti rannte vorneweg, Eyvi folgte ihm und Vissa kam als Letzte hinterher.

    Kaum blieb Knuti stehen, senkte den Kopf und begann zu fressen, stoppten auch die anderen beiden. Offenbar gab es keinen Grund mehr, weiterzulaufen. Einer hatte etwas gefunden, also konnte es für die anderen nicht ganz falsch sein.

    Ich habe dieses Verhalten schon oft beobachtet. An diesem Morgen musste ich trotzdem wieder darüber schmunzeln. Denn manchmal sind Pferde uns Menschen ähnlicher, als wir vermutlich zugeben möchten.

    Die Schlange vor der besetzten Fressbox

    Besonders deutlich wird das im großen Stall. Dort gibt es sechs Fressboxen für Heu. Jede Box wird über eine Zeit- und Erkennungssteuerung geöffnet. Solche automatisierten Fütterungssysteme in der Gruppenhaltung ermöglichen es, die Fresszeiten individuell an die einzelnen Pferde anzupassen.

    Ein Chip erkennt das Pferd und prüft, ob es noch Fresszeit zur Verfügung hat. Wenn ja, öffnet sich die Klappe. Wenn nicht, bleibt sie zu.

    Und jetzt kommt das Kuriose: Fünf Boxen stehen leer. In einer einzigen Box frisst bereits ein Pferd oder wartet darauf, dass sich die Klappe öffnet. Trotzdem stellen sich weitere hungrige Mäuler ausgerechnet dort an. Links und rechts daneben: freie Boxen und gähnende Leere.

    Ich habe sogar versucht, ein Pferd in eine der leeren Boxen zu führen. Es blieb kurz darin stehen. Als die Klappe nicht sofort reagierte, ging es wieder hinaus – und zurück zu der Box, vor der bereits andere warteten. Anstellen scheint in diesem Moment überzeugender zu sein, als eine andere Möglichkeit auszuprobieren.

    Ganz friedlich läuft das nicht immer ab. Kommt ein ranghöheres Pferd dazu, wird das davorstehende Tier schon mal weggeschickt: Ohren angelegt, Hals vorgestreckt, Botschaft angekommen. Wer zuerst gewartet hat, darf deshalb noch lange nicht zuerst fressen. Wie eindeutig Pferde ihre Grenzen mitunter zeigen, habe ich auch im Beitrag „Angelegte Ohren und drei Schritte zurück“ beschrieben.

    Ähnliches sehe ich an den offen zugänglichen Strohraufen. Knabbert dort ein Pferd an ein paar Halmen Stroh, dauert es meist nicht lange, bis das nächste dazukommt und nachschaut, ob dort etwas zu holen ist.

    Ein Pferd wartet vor einer besetzten Fressbox im Offenstall.
    Obwohl weitere Fressboxen frei sind, wartet Lilie ausgerechnet vor der besetzten Box.

    Plötzlich bin ich interessant

    Auf der Weide zeigt sich der Herdentrieb bei Pferden etwas anders. Wenn ich hinausgehe, um Pferdeäpfel abzusammeln, steht zunächst oft kein Pferd in meiner Nähe. Dann kommt eines. Kurz darauf sind es zwei, später fünf – und bei gutem Wetter irgendwann alle.

    Gestern lieferten mir unsere Hausschafe das schönste Beispiel. Ich säuberte die linke Seite der Pferdeweide. Die Schafe standen auf ihrer angrenzenden Fläche und wanderten geschlossen zu mir nach links. Als ich auf die rechte Seite wechselte, zogen sie hinterher. Meckernd und blökend standen sie wenig später wieder in meiner Nähe.

    Dabei hatte ich nichts für sie. Ich machte nur sauber. Vielleicht genügte aber schon die Möglichkeit, dass es bei mir etwas Interessantes geben könnte. Wenn eine losgeht, lohnt es sich offenbar für die anderen, ebenfalls nachzuschauen.

    Antje am Rand einer Weide mit mehreren Schafen im Hintergrund.
    Kaum wechsle ich die Seite, ziehen die Schafe hinterher – obwohl ich gar nichts für sie dabeihabe.

    Mitlaufen ist nicht dasselbe wie folgen

    Neulich sah ich ein Instagram-Reel von einem Bauernhof, das zunächst ähnlich wirkte und doch etwas anderes zeigte. Eine Kuh lief mit ihrem erst wenige Stunden alten Kalb und zwei älteren Kälbern in Richtung Stall. Sie ging voraus. Blieb das Kleine zurück, hielt sie an, drehte um und ging ein Stück zu ihm zurück. Erst dann setzte sich die kleine Gruppe wieder in Bewegung.

    Vor der Fressbox orientieren sich die Pferde daran, wo bereits etwas passiert. Die Kuh dagegen gibt Richtung und Sicherheit. Die anderen laufen nicht nur mit, weil dort schon jemand steht. Sie folgen einem Tier, das den Weg kennt und darauf achtet, dass die Gruppe zusammenbleibt.

    Was der Herdentrieb bei Pferden mit uns Menschen zu tun hat

    Wenn ich ehrlich bin, sind wir davon gar nicht so weit entfernt.

    Ein Reel, ein Sound, ein Ausflugsziel oder ein Produkt wird plötzlich überall gezeigt. Sobald sich genügend Menschen dafür interessieren, ziehen weitere nach. Nicht immer, weil sie selbst geprüft haben, ob es zu ihnen passt. Manchmal reicht schon der Gedanke: Wenn so viele dort stehen, muss es gut sein.

    Die fünf leeren Boxen daneben – also die unbekannteren Möglichkeiten – übersehen wir dabei schnell. Wir stellen uns lieber dort an, wo bereits Betrieb ist. Das fühlt sich sicherer an, als allein etwas Neues auszuprobieren.

    Natürlich ist Orientierung an anderen nicht grundsätzlich schlecht. Sie spart Zeit, vermittelt Sicherheit und hilft uns, Neues zu lernen. Problematisch wird es erst, wenn wir gar nicht mehr prüfen, ob wir dasselbe überhaupt wollen.

    Orientierung geben, ohne den Weg vorzuschreiben

    Daran muss ich auch im Töpferatelier denken. Teilnehmerinnen fragen mich: „Wie mache ich das? Was könnte ich jetzt ausprobieren? Und wie funktioniert dieser Arbeitsschritt?“ Dann zeige ich Möglichkeiten, erkläre eine Technik oder mache den Anfang.

    Ich gebe Orientierung, aber ich entscheide nicht, wie ihr Werkstück am Ende aussehen muss. Manchmal braucht es einfach jemanden, der einen möglichen Weg zeigt. Danach wird ausprobiert, verändert und etwas Eigenes daraus gemacht.

    Auch bei meinen Kindern beobachte ich diese Suche nach Orientierung. Als Teenager lösen sie sich Stück für Stück von der Familie und suchen sich ihre eigene Gruppe. Freundinnen und Freunde beeinflussen, was sie tragen, hören oder unternehmen. Das gehört wohl dazu. Trotzdem wünsche ich ihnen, dass sie zwischendurch auch einen Blick auf die fünf leeren Boxen werfen und sich fragen: Will ich wirklich dort hin, wo gerade alle stehen?

    Vielleicht lohnt sich der Blick nach nebenan

    Der Herdentrieb bei Pferden gibt ihnen Sicherheit. Er hilft ihnen, zusammenzubleiben und sich aneinander zu orientieren. Auch wir Menschen suchen häufig diese Sicherheit – doch manchmal hält sie uns davon ab, eine freie Möglichkeit auszuprobieren.

    Seit ich die Pferde vor der einen besetzten Fressbox beobachte, frage ich mich deshalb öfter: Stelle ich mich gerade nur an, weil dort schon alle stehen? Oder lohnt es sich, eine der fünf freien Boxen genauer anzuschauen?

    Kennst Du solche Situationen von Deinen Tieren oder aus Deinem eigenen Alltag? Schreib es mir gern in die Kommentare.

  • Amanda und ich: eine Hassliebe auf Raupenketten

    Amanda und ich: eine Hassliebe auf Raupenketten

    Warum sie mir trotzdem den Rücken rettet und mein wichtigstes Werkzeug im Stall ist

    Manchmal stehe ich im Stall und rede mit einem Fahrzeug, als wäre es ein störrisches Pferd.

    „Komm jetzt. Komm. Mach schon. Lauf vorwärts. Hü.“

    Wer mich dabei beobachtet, könnte durchaus denken, ich rede mit einem Pferd. Tue ich aber nicht. Ich rede mit Amanda.

    Wer oder was ist Amanda?

    Amanda ist mein Dumper. Im Grunde eine elektrische Schubkarre mit zwei Achsen, Raupen statt Rädern und einem Eigenleben, das ich bis heute nicht immer nachvollziehen kann.

    Und ja: Sie hat tatsächlich einen Namen.

    Der stammt noch aus meiner Zeit im Service. Damals gab es eine Vorgesetzte, mit der ich anfangs nicht besonders gut klarkam. Irgendwann fing ich an, sie für mich Amanda zu nennen. Wenn ich mich ärgerte, konnte ich über „Amanda“ schimpfen, ohne dass jemand wusste, wen ich eigentlich meinte.

    Der Frust war raus und danach ging es meistens wieder.

    Als mein Dumper vor Jahren seine ersten Macken zeigte und ich jemanden zum Schimpfen brauchte, war der Name deshalb sofort wieder da.

    Amanda.

    Seitdem habe ich wenigstens einen vernünftigen Ansprechpartner und muss nicht ständig sagen: „Dieser blöde Dumper.“

    Wenn Amanda nur noch Vollgas kennt

    Im Moment macht Amanda mir das Leben allerdings ziemlich schwer.

    Sie hat ein technisches Problem. Meine Chefin weiss davon und der Reparaturtermin steht bereits. Damit ich in der Zwischenzeit nicht komplett auf die Handschubkarre umsteigen muss, darf ich sie trotzdem weiter benutzen. Was ziemlich nett ist. Danke dafür.

    Nur leider mit gewissen Nebenwirkungen. Amanda kennt zurzeit nämlich hauptsächlich zwei Zustände:

    Vollgas oder Vollbremsung.

    Entweder schiesst sie plötzlich los und ich renne hinterher, oder sie bleibt so abrupt stehen, dass ich fast in sie hineinlaufe.

    Die blauen Flecken gehören inzwischen offenbar zur Grundausstattung meiner Arbeitstage. Woher sie genau kommen, weiss ich am nächsten Tag meistens schon gar nicht mehr. Auf der Weide habe ich deshalb eine neue Sportart erfunden:

    Dumperjogging.

    Amanda rast voraus, ich renne hinterher. Cardio inklusive. Ein Fitnessabo brauche ich zumindest dafür nicht mehr.

    Bei den Pferden ist sie beliebter als bei mir

    Interessanterweise kommt Amanda bei den Pferden wesentlich besser an.

    Manche knabbern neugierig an ihr herum. Andere benutzen sie als praktische Schubberstation und reiben sich genüsslich daran.

    Und dann gibt es noch die besonders hilfreichen Exemplare. Die schnuppern kurz an Amanda und ihrem Inhalt und lassen ihre Bölle anschliessend direkt daneben fallen.

    Kann ich mit leben.

    Pferd beschnuppert neugierig den Dumper Amanda
    Unsere Pferde kontrollieren immer mal wieder, ob noch alles dran ist.

    Dann muss ich wenigstens nicht mehr zusammensuchen, sondern nur noch aufladen.

    Während die Pferde also ziemlich entspannt mit ihr umgehen, stehe ich hinter Amanda und versuche, sie mit gutem Zureden zur Mitarbeit zu bewegen.

    „Komm jetzt. Lauf vorwärts. Hü.“

    Von aussen betrachtet vermutlich etwas merkwürdig. Aber irgendwie hilft es. Manchmal jedenfalls.

    Warum ich sie trotzdem nicht hergeben würde

    Angefangen habe ich meine Stallarbeit ganz klassisch mit der Handschubkarre.

    Voll beladene Handschubkarre mit Mist
    Unsere Handschubkarre, die ich im Notfall immer noch benutze.

    Bölle einsammeln, Schubkarre füllen, zum Mist fahren, ausleeren, zurück und wieder von vorne. So kannte ich es und so funktionierte es.

    Irgendwann bat mich meine Chefin, stattdessen den Dumper zu benutzen. Nicht, weil ich zu bequem für die Schubkarre wäre, sondern wegen meines Rückens.

    Probleme hatte ich damit ohnehin schon und eine voll beladene Handschubkarre macht die Sache nicht gerade besser.

    Mit Amanda kann ich deutlich mehr auf einmal transportieren. Was ich mit ihr in einer Fuhre zum Mist bringe, wären mit der Schubkarre schnell mehrere Fahrten.

    Weniger schieben. Weniger schleppen. Weniger Belastung.

    Und mein Rücken merkt den Unterschied. Ich wahrscheinlich noch mehr. Denn natürlich kann ich weiterhin eine Handschubkarre benutzen.

    Die Frage ist nur: Muss ich es unbedingt?

    Im Winter zeigt Amanda, was sie kann

    Spätestens im Winter weiss ich ihren Einsatz noch mehr zu schätzen. Amanda hat Raupenketten und schafft damit auch die kleine Steigung zum Misthaufen, wenn Schnee liegt oder der Boden glatt ist.

    Mit einer voll beladenen Handschubkarre möchte ich dort ehrlich gesagt nicht unbedingt herumrutschen. Amanda fährt einfach hoch. Zumindest dann, wenn sie gerade Lust dazu hat.

    Kein Gym nötig

    Ganz ohne körperliche Arbeit komme ich mit Amanda natürlich trotzdem nicht davon.

    Wenn ihre Ladefläche voll ist, muss ich sie zum Auskippen anheben. Dabei achte ich inzwischen sehr genau auf das, was mir mein Physio gezeigt hat:

    Kraft aus den Beinen holen und den Rücken möglichst gerade lassen.

    Früher habe ich über solche Dinge vermutlich weniger nachgedacht. Heute merke ich ziemlich schnell, wenn ich falsch hebe. Und seit ich bewusster darauf achte, funktioniert es mit meinem Rücken deutlich besser.

    Ausgerechnet Amanda, die mich regelmässig zur Weissglut bringt, erinnert mich also daran, sorgsamer mit meinem Körper umzugehen.

    Schon ein bisschen ironisch.

    Vielleicht muss man nicht alles auf die harte Tour machen

    Ich glaube, genau darin steckt für mich inzwischen mehr als nur eine Geschichte über einen nervigen Dumper.

    Manchmal halten wir ziemlich lange an Dingen fest, nur weil wir sie schon immer so gemacht haben. Ich kann eine Handschubkarre schieben. Natürlich kann ich das.

    Aber nur weil ich etwas kann, bedeutet das noch lange nicht, dass ich es mir jeden Tag möglichst schwer machen muss. Ein Hilfsmittel zu benutzen ist keine Schwäche.

    Nur weil ich die Arbeit auch mit der Handschubkarre schaffen würde, muss ich es mir nicht unnötig schwer machen. Vielleicht ist es sogar ziemlich vernünftig, sich Unterstützung zu holen, bevor der eigene Körper irgendwann deutlich sagt: Jetzt reicht’s.

    Eine Hassliebe eben

    Amanda ist launisch. Momentan ist sie auch noch kaputt und bringt mich regelmässig an den Rand meiner Geduld.

    Trotzdem würde ich nur im absoluten Notfall wieder dauerhaft zur Handschubkarre zurückkehren.

    Sie erledigt in einer Fuhre, wofür ich sonst mehrfach laufen müsste. Sie kommt im Winter den Berg hoch, während ich mit der Schubkarre wahrscheinlich herumrutschen würde. Und ganz nebenbei hat sie mir beigebracht, beim Arbeiten besser auf meinen Körper zu achten.

    Manchmal ist das wohl der Deal. Etwas kann uns nerven und trotzdem gut für uns sein.

    Wir können darüber schimpfen, hinterherrennen und uns gelegentlich einen blauen Fleck holen – und trotzdem wissen, dass wir es nicht mehr missen möchten.

    Amanda und ich?

    Wir kommen schon klar.

    Auf unsere ganz eigene Art.

  • Angelegte Ohren und drei Schritte zurück

    Angelegte Ohren und drei Schritte zurück

    Wie ich lerne, mich in neuen Gruppen zurechtzufinden

    Manchmal reicht ein einziger Pferdeäpfelteppich um sechs Uhr morgens, um etwas über sich selbst zu lernen.

    Was angelegte Ohren beim Pferd damit zu tun haben? Mehr, als ich zunächst dachte.

    Wir haben eine neue Stute im Stall. Bevor ein neues Pferd in die Herde kommt, verbringt es zunächst einige Zeit in der sogenannten Integrationsbox. Das ist ein abgegrenzter Bereich direkt neben dem Offenstall. Dort kann sich der Neuankömmling bewegen, während sich die Pferde über den Zaun hinweg kennenlernen können.

    Eine Woche lang wird beschnuppert, beobachtet und vorsichtig Kontakt aufgenommen. Für die Pferde ist das der normale Weg, um herauszufinden, mit wem sie es zu tun haben. Für mich als Stallfee bedeutet die Integrationswoche vor allem: Chaos.

    Normalerweise liegen die Pferdeäpfel mehr oder weniger in Haufen auf der gesamten Offenstallanlage verteilt. Während der Integrationswoche ist das anders. Alles, was vor dem Zaun der Box liegt, wird zertrampelt, auseinandergezogen und grosszügig verteilt.

    So bekomme ich früh am Morgen einen Teppich ausgelegt. Wortwörtlich.

    Mein erster Gedanke ist dann meistens: «Oh, so’n Scheiss. Sie haben sich wieder richtig Mühe gegeben. Danke auch.»

    Beim zweiten Blick hilft nur noch Humor. «Sie haben mir wieder den Teppich ausgelegt», sage ich zu mir selbst und greife zu Besen und Mistschaufel.

    Was die Ohren verraten, bevor es kracht

    Die Pferde reagierten ganz unterschiedlich auf die neue Stute. Einige waren neugierig, kamen nah an den Zaun heran und richteten die Ohren aufmerksam nach vorn. Andere blieben lieber etwas weiter entfernt, machten einen langen Hals und versuchten, die Neue erst einmal aus sicherer Entfernung einzuschätzen.

    Nur ein Wallach reagierte deutlich heftiger. Normalerweise verhält er sich gegenüber anderen Pferden recht gelassen. Doch sobald er die neue Stute sah, stürmte er auf sie zu und machte ihr unmissverständlich klar, dass sie Abstand halten sollte.

    Ob er damit seine Stute verteidigen wollte, weiss ich nicht. Kurios war die Situation trotzdem: Die Neue ist die Tochter einer Stute, die schon länger bei uns im Stall lebt. Auch bei der späteren Zusammenführung mit der Herde zeigte sich der Wallach alles andere als gnädig. Er hielt die neue Stute auf Abstand und machte seine Grenze sehr heftig und deutlich klar.

    Die Stute selbst reagierte erstaunlich besonnen. Sie beobachtete, registrierte die Signale der anderen und wich zurück, sobald angelegte Ohren oder ein drohend gesenkter Kopf in ihre Richtung kamen.

    Kein Kampf und kein unnötiges Drama – zumindest nicht gegenüber ranghöheren Tieren. Traf sie auf ein ranggleiches oder rangniedrigeres Pferd, kämpfte sie mit der Hinterhand auch mal um ihren Platz, schliesslich musste ihre Stellung in der Herde auch noch klar machen. Aber sobald sie merkte, dass das Gegenüber ranghöher war, ging sie drei Schritte zurück, wartete ab und versuchte es später noch einmal.

    Pferde verständigen sich zu einem grossen Teil über ihre Körpersprache. Angelegte Ohren beim Pferd sind dabei ein ziemlich deutliches Signal: Bis hierhin und nicht weiter. Auch ein gesenkter Kopf oder ein angespannter Körper geben Hinweise darauf, wie das Gegenüber gerade auf ein anderes Pferd oder eine Situation reagiert.

    Wer diese kleinen Signale rechtzeitig erkennt, kann Abstand halten, bevor die Situation unangenehm wird.

    Während ich die neue Stute beobachtete, musste ich daran denken, wie ähnlich ich mich manchmal in einer neuen Gruppe verhalte.

    Pedro mit angelegten Ohren
    Er mag es nicht, wenn man ihm zu nahe kommt. Egal wer. Und manchmal legt er die Ohren mehr oder weniger an.

    Der Moment, in dem ich selbst auf angelegte Ohren traf

    Eine ähnliche Situation habe ich selbst schon erlebt. Ich stand mit einer Gruppe Frauen zusammen, die sich schon lange kannten und eng miteinander befreundet waren. Sie unterhielten sich über Kindersport – zumindest glaube ich, dass es darum ging, ist schliesslich schon eine Weile her.

    Bis dahin hatte ich hauptsächlich zugehört und die anderen beobachtet. Irgendwann kam ein Punkt, zu dem ich ebenfalls etwas sagen konnte. Also platzte ich mit meiner Aussage heraus, ohne auf den richtigen Moment zu warten oder mich vorsichtig in das Gespräch einzuklinken.

    Die Frauen schauten mich verdutzt an. Keine ging auf das ein, was ich gesagt hatte. Das Gespräch lief einfach weiter und ich stand da mit dem Gefühl, gerade einen unsichtbaren Kreis betreten zu haben, in dem für mich noch kein Platz vorgesehen war.

    Vielleicht war mein Einwurf ungünstig. Vielleicht waren die Frauen so sehr in ihrem vertrauten Gespräch, dass sie nicht wussten, wie sie darauf reagieren sollten. Ich weiss es bis heute nicht.

    Ihre Reaktion war trotzdem deutlich. Fast wie ein paar angelegte Ohren, nur unter Menschen.

    Erst beobachten, dann näherkommen

    Seitdem gehe ich in neuen Gruppen etwas vorsichtiger vor. Wenn ich in ein neues Team komme, einen neuen Job anfange oder auf Menschen treffe, die sich untereinander bereits gut kennen, beobachte ich zunächst.

    Wer kennt sich schon lange? Wer redet viel und wer hält sich eher zurück? Wie gehen die Menschen miteinander um? Welche unausgesprochenen Regeln gibt es und wo ist Raum, mich einzubringen?

    Dabei geht es nicht darum, mich kleinzumachen oder mich vollständig an eine Gruppe anzupassen. Ich möchte zuerst verstehen, wie die anderen miteinander umgehen, bevor ich meinen Platz darin suche.

    Manchmal gehe ich gedanklich zwei oder drei Schritte näher und warte dann wieder ab. Nicht aus Angst, sondern weil ich die Situation besser einschätzen möchte.

    Natürlich platze ich trotzdem gelegentlich irgendwo hinein. Manchmal merke ich es sofort. Dann begegnen mir zwar keine Pferdeköpfe mit angelegten Ohren, aber die menschlichen Signale können genauso deutlich sein.

    Ein Schritt zurück ist nicht immer ein Rückschritt

    Die neue Stute hat mir gezeigt, dass Zurückweichen nicht automatisch Unsicherheit bedeutet. Manchmal ist es einfach eine kluge Reaktion: erst beobachten, Abstand halten und später noch einmal vorsichtig näherkommen.

    In einer neuen Gruppe anzukommen, ist ein Prozess. Bei Pferden genauso wie bei Menschen. Es braucht Neugier, Aufmerksamkeit und manchmal eben auch drei Schritte zurück, bevor man den nächsten nach vorn macht.

    Und gelegentlich braucht es zusätzlich einen Pferdeäpfelteppich um sechs Uhr morgens, damit man diese Erkenntnis nicht so schnell wieder vergisst.

    Hast du dich auch schon einmal in eine vertraute Gruppe gewagt und gemerkt, dass du den richtigen Moment verpasst hast? Oder gehörst du eher zu den Menschen, die zunächst beobachten und sich langsam herantasten? Schreib mir gern, wie du solche Situationen erlebst.

  • Kurze Hosen, langes Fell – das jährliche Rätsel im Stall

    Kurze Hosen, langes Fell – das jährliche Rätsel im Stall

    Neulich fiel mir beim Putzen unserer Haflinger-Stute auf: Mitten im Sommer hat ihr Fellwechsel bereits begonnen.

    „Ja, das geht jetzt schon langsam los“, meinte die Besitzerin nur beiläufig – so, als wäre das die normalste Sache der Welt. Für mich ist es das nicht. Jedes Jahr aufs Neue wundere ich mich darüber.

    32 Grad und schon Winterfell?

    Draussen ist es gerade brütend heiss. Wir Menschen laufen in T-Shirt und kurzer Hose herum. Wer bei dieser Hitze mit dicker Winter- oder Fleecejacke auftauchen würde, würde vermutlich ziemlich schräg angeschaut werden.

    Und mittendrin steht ein Pferd, das langsam anfängt, sich auf den Winter vorzubereiten. Kein bisschen Bedarf an zusätzlicher Wärme – zumindest aus unserer menschlichen Sicht. Und trotzdem: Es geht los.

    Wenn du darüber nachdenkst, ist das schon ein kurioses Bild. Mensch im Sommerlook, Pferd schon auf dem Weg Richtung Winterpelz – zur gleichen Zeit, am gleichen Ort.

    Warum eigentlich schon jetzt?

    Mir wurde irgendwann einmal erklärt, dass der Fellwechsel gar nicht hauptsächlich von der Temperatur abhängt, sondern vom Licht – genauer gesagt von der Tageslänge. Und tatsächlich: Wenn ich genauer darauf achte, merke ich es auch bei mir selbst.

    Die Tage werden schon wieder kürzer. Morgens um fünf ist es längst nicht mehr so hell wie noch vor ein paar Wochen, und auch abends verschwindet das Tageslicht merklich früher. Logisch betrachtet ergibt das also durchaus Sinn.

    Trotzdem fühlt es sich für mich jedes Jahr wieder seltsam an, dass ausgerechnet mitten im Hochsommer schon die ersten Vorbereitungen für den Winter beginnen.

    Was die Wissenschaft dazu sagt

    Ich habe noch einmal nachgeschaut – und tatsächlich: Mein Gefühl trügt nicht. Der Fellwechsel beim Pferd wird in erster Linie durch die Tageslänge beeinflusst und deutlich weniger durch die aktuelle Temperatur.

    Eine wichtige Rolle spielt dabei die Zirbeldrüse im Gehirn. Sie reagiert auf die Dauer von Helligkeit und Dunkelheit und beeinflusst darüber die Ausschüttung des Hormons Melatonin. Werden die Nächte länger, verändert sich der Melatoninspiegel – und damit wird unter anderem auch der jahreszeitliche Fellwechsel angestossen.

    Der Wechsel vom Sommer- zum Winterfell beginnt deshalb bereits rund um die Sommersonnenwende. Also genau dann, wenn die Tage langsam wieder kürzer werden. Und das kann eben bedeuten: draussen 30 Grad und mehr, während das Pferd innerlich schon das Programm „Winterfell“ gestartet hat.

    Die Temperatur spielt trotzdem eine Rolle. Sie beeinflusst unter anderem, wie dicht und lang das Fell später ausgebildet wird. Der eigentliche Startschuss hängt jedoch vor allem mit den Lichtverhältnissen zusammen.

    Interessant finde ich auch, dass selbst dieser jahreszeitliche Rhythmus noch nicht in jedem Detail vollständig erklärt ist. Ich darf mich also weiterhin ein bisschen wundern.

    Kurz erklärt: Warum bekommt das Pferd jetzt schon Winterfell?

    Der Fellwechsel richtet sich vor allem nach der Tageslänge und nicht danach, wie warm es draussen gerade ist. Sobald die Tage nach der Sommersonnenwende wieder kürzer werden, reagiert der Körper des Pferdes darauf. Über Hormone wie Melatonin wird der jahreszeitliche Fellwechsel angestossen.

    Deshalb kann sich das Winterfell bereits entwickeln, während wir noch bei 30 Grad in kurzen Hosen herumlaufen.

    Kurz gesagt: Das Thermometer sagt Sommer – die kürzer werdenden Tage sagen dem Pferd bereits: Der Winter kommt.

    Wenn man den Fellwechsel am eigenen Leib merkt

    Das Verrückte am Fellwechsel ist ja: Du kannst den Haaren nicht beim Wachsen zusehen. Wenn du einfach am Pferd vorbeiläufst, merkst du zunächst gar nichts. Alles verändert sich langsam und Stück für Stück. Spätestens beim Putzen wird es allerdings offensichtlich.

    Und bei der aktuellen Hitze ist das eine ganz eigene Erfahrung. Ich bin bei der Stallarbeit ohnehin schon am Schwitzen. Die Haut ist klebrig, das T-Shirt irgendwann ebenfalls – und genau dann fliegen natürlich die Pferdehaare durch die Gegend. Sie landen auf den Armen, im Gesicht, am Hals und überall dort, wo sie möglichst gut haften bleiben. Am Ende sehe ich aus wie ein Bär. Und irgendwie macht das die Hitze gefühlt auch nicht besser.

    Manchmal denke ich mir, ich müsste mich vor diesen fliegenden Haaren schützen wie vor einer Gefahrgutwolke: Ganzkörperanzug, Handschuhe, Vollvisier. Als würde ich keinen Pferdestall betreten, sondern einen Chemieunfall untersuchen. Realistisch betrachtet würde ich darin bei 32 Grad allerdings vermutlich schneller kollabieren, als mir irgendein Pferdehaar je etwas anhaben könnte.

    Also bleibt es beim klassischen Weg: schwitzen, Haare absammeln und darüber lachen.

    Manche Veränderungen merkt man erst, wenn man genauer hinschaut

    Diese Sache mit den natürlichen Rhythmen fasziniert mich sowieso. Ich beobachte zum Beispiel bei mir selbst immer wieder, dass es Phasen gibt, in denen mir meine Fingernägel oder Haare plötzlich schneller zu wachsen scheinen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass das mit bestimmten Mondphasen zusammenhängen könnte.

    Ob das tatsächlich so ist, weiss ich nicht. Ich habe es weder dokumentiert noch irgendwann systematisch überprüft. Es ist einfach eine dieser persönlichen Beobachtungen, die mir immer wieder auffallen. Vielleicht achte ich irgendwann einmal genauer darauf.

    Mich erinnert es jedenfalls an den Fellwechsel der Pferde: Manche Veränderungen passieren über längere Zeit so unauffällig, dass man sie erst bemerkt, wenn man genauer hinsieht. Oder wenn einem plötzlich ein halbes Pferd am T-Shirt klebt.

    Im Frühling läuft das Ganze rückwärts

    Ein paar Monate später dreht sich das Bild dann komplett um. Im Frühling stehst du vielleicht noch dick eingepackt in deiner Winterjacke im Stall, während das Pferd sein Winterfell bereits wieder Stück für Stück loswird.

    Dann wird gebürstet, gestriegelt und noch einmal gebürstet. Nach und nach kommt darunter wieder das kurze, glänzende Sommerfell zum Vorschein. Ich habe dazu einmal ein Bild auf Instagram gesehen, das mich richtig zum Lachen gebracht hat: Mensch in einem Ganzkörperoverall mit Mundschutz, übersäht mit Pferdehaaren daran.

    Eigentlich ist es jedes Jahr dasselbe. Wir Menschen schauen auf das Thermometer und denken: Sommer. Das Pferd orientiert sich längst an anderen Signalen und bereitet sich schon auf das vor, was als Nächstes kommt.

    Vielleicht ist genau das das Faszinierende daran: Die Natur richtet sich nicht danach, wie sich dieser eine Tag gerade anfühlt. Sie arbeitet längst weiter.

    Und wenn du das nächste Mal bei sommerlichen Temperaturen plötzlich wieder mehr Pferdehaare an deiner Kleidung findest als erwartet, weisst du jetzt warum. Der Winter steht nicht unmittelbar vor der Tür. Aber das Pferd weiss offenbar schon, dass er irgendwann kommen wird.

    Eine Fusselbürste schadet trotzdem nicht.