Wie deutlich sich der Herdentrieb bei Pferden zeigen kann, habe ich heute Morgen wieder beobachtet. Ich habe die drei Islandpferde aus dem kleinen Stall auf die Weide gelassen – und wie fast jedes Mal bot sich dasselbe Bild: Knuti rannte vorneweg, Eyvi folgte ihm und Vissa kam als Letzte hinterher.
Kaum blieb Knuti stehen, senkte den Kopf und begann zu fressen, stoppten auch die anderen beiden. Offenbar gab es keinen Grund mehr, weiterzulaufen. Einer hatte etwas gefunden, also konnte es für die anderen nicht ganz falsch sein.
Ich habe dieses Verhalten schon oft beobachtet. An diesem Morgen musste ich trotzdem wieder darüber schmunzeln. Denn manchmal sind Pferde uns Menschen ähnlicher, als wir vermutlich zugeben möchten.
Die Schlange vor der besetzten Fressbox
Besonders deutlich wird das im großen Stall. Dort gibt es sechs Fressboxen für Heu. Jede Box wird über eine Zeit- und Erkennungssteuerung geöffnet. Solche automatisierten Fütterungssysteme in der Gruppenhaltung ermöglichen es, die Fresszeiten individuell an die einzelnen Pferde anzupassen.
Ein Chip erkennt das Pferd und prüft, ob es noch Fresszeit zur Verfügung hat. Wenn ja, öffnet sich die Klappe. Wenn nicht, bleibt sie zu.
Und jetzt kommt das Kuriose: Fünf Boxen stehen leer. In einer einzigen Box frisst bereits ein Pferd oder wartet darauf, dass sich die Klappe öffnet. Trotzdem stellen sich weitere hungrige Mäuler ausgerechnet dort an. Links und rechts daneben: freie Boxen und gähnende Leere.
Ich habe sogar versucht, ein Pferd in eine der leeren Boxen zu führen. Es blieb kurz darin stehen. Als die Klappe nicht sofort reagierte, ging es wieder hinaus – und zurück zu der Box, vor der bereits andere warteten. Anstellen scheint in diesem Moment überzeugender zu sein, als eine andere Möglichkeit auszuprobieren.
Ganz friedlich läuft das nicht immer ab. Kommt ein ranghöheres Pferd dazu, wird das davorstehende Tier schon mal weggeschickt: Ohren angelegt, Hals vorgestreckt, Botschaft angekommen. Wer zuerst gewartet hat, darf deshalb noch lange nicht zuerst fressen. Wie eindeutig Pferde ihre Grenzen mitunter zeigen, habe ich auch im Beitrag „Angelegte Ohren und drei Schritte zurück“ beschrieben.
Ähnliches sehe ich an den offen zugänglichen Strohraufen. Knabbert dort ein Pferd an ein paar Halmen Stroh, dauert es meist nicht lange, bis das nächste dazukommt und nachschaut, ob dort etwas zu holen ist.

Plötzlich bin ich interessant
Auf der Weide zeigt sich der Herdentrieb bei Pferden etwas anders. Wenn ich hinausgehe, um Pferdeäpfel abzusammeln, steht zunächst oft kein Pferd in meiner Nähe. Dann kommt eines. Kurz darauf sind es zwei, später fünf – und bei gutem Wetter irgendwann alle.
Gestern lieferten mir unsere Hausschafe das schönste Beispiel. Ich säuberte die linke Seite der Pferdeweide. Die Schafe standen auf ihrer angrenzenden Fläche und wanderten geschlossen zu mir nach links. Als ich auf die rechte Seite wechselte, zogen sie hinterher. Meckernd und blökend standen sie wenig später wieder in meiner Nähe.
Dabei hatte ich nichts für sie. Ich machte nur sauber. Vielleicht genügte aber schon die Möglichkeit, dass es bei mir etwas Interessantes geben könnte. Wenn eine losgeht, lohnt es sich offenbar für die anderen, ebenfalls nachzuschauen.

Mitlaufen ist nicht dasselbe wie folgen
Neulich sah ich ein Instagram-Reel von einem Bauernhof, das zunächst ähnlich wirkte und doch etwas anderes zeigte. Eine Kuh lief mit ihrem erst wenige Stunden alten Kalb und zwei älteren Kälbern in Richtung Stall. Sie ging voraus. Blieb das Kleine zurück, hielt sie an, drehte um und ging ein Stück zu ihm zurück. Erst dann setzte sich die kleine Gruppe wieder in Bewegung.
Vor der Fressbox orientieren sich die Pferde daran, wo bereits etwas passiert. Die Kuh dagegen gibt Richtung und Sicherheit. Die anderen laufen nicht nur mit, weil dort schon jemand steht. Sie folgen einem Tier, das den Weg kennt und darauf achtet, dass die Gruppe zusammenbleibt.
Was der Herdentrieb bei Pferden mit uns Menschen zu tun hat
Wenn ich ehrlich bin, sind wir davon gar nicht so weit entfernt.
Ein Reel, ein Sound, ein Ausflugsziel oder ein Produkt wird plötzlich überall gezeigt. Sobald sich genügend Menschen dafür interessieren, ziehen weitere nach. Nicht immer, weil sie selbst geprüft haben, ob es zu ihnen passt. Manchmal reicht schon der Gedanke: Wenn so viele dort stehen, muss es gut sein.
Die fünf leeren Boxen daneben – also die unbekannteren Möglichkeiten – übersehen wir dabei schnell. Wir stellen uns lieber dort an, wo bereits Betrieb ist. Das fühlt sich sicherer an, als allein etwas Neues auszuprobieren.
Natürlich ist Orientierung an anderen nicht grundsätzlich schlecht. Sie spart Zeit, vermittelt Sicherheit und hilft uns, Neues zu lernen. Problematisch wird es erst, wenn wir gar nicht mehr prüfen, ob wir dasselbe überhaupt wollen.
Orientierung geben, ohne den Weg vorzuschreiben
Daran muss ich auch im Töpferatelier denken. Teilnehmerinnen fragen mich: „Wie mache ich das? Was könnte ich jetzt ausprobieren? Und wie funktioniert dieser Arbeitsschritt?“ Dann zeige ich Möglichkeiten, erkläre eine Technik oder mache den Anfang.
Ich gebe Orientierung, aber ich entscheide nicht, wie ihr Werkstück am Ende aussehen muss. Manchmal braucht es einfach jemanden, der einen möglichen Weg zeigt. Danach wird ausprobiert, verändert und etwas Eigenes daraus gemacht.
Auch bei meinen Kindern beobachte ich diese Suche nach Orientierung. Als Teenager lösen sie sich Stück für Stück von der Familie und suchen sich ihre eigene Gruppe. Freundinnen und Freunde beeinflussen, was sie tragen, hören oder unternehmen. Das gehört wohl dazu. Trotzdem wünsche ich ihnen, dass sie zwischendurch auch einen Blick auf die fünf leeren Boxen werfen und sich fragen: Will ich wirklich dort hin, wo gerade alle stehen?
Vielleicht lohnt sich der Blick nach nebenan
Der Herdentrieb bei Pferden gibt ihnen Sicherheit. Er hilft ihnen, zusammenzubleiben und sich aneinander zu orientieren. Auch wir Menschen suchen häufig diese Sicherheit – doch manchmal hält sie uns davon ab, eine freie Möglichkeit auszuprobieren.
Seit ich die Pferde vor der einen besetzten Fressbox beobachte, frage ich mich deshalb öfter: Stelle ich mich gerade nur an, weil dort schon alle stehen? Oder lohnt es sich, eine der fünf freien Boxen genauer anzuschauen?
Kennst Du solche Situationen von Deinen Tieren oder aus Deinem eigenen Alltag? Schreib es mir gern in die Kommentare.


