Kategorie: zwischen Stall & Alltag

Beobachtungen aus dem Stall, die über den Weidezaun hinausreichen. Persönliche Gedanken darüber, was Tiere uns über Vertrauen, Grenzen, Gemeinschaft und unseren eigenen Alltag zeigen können.

  • Herdentrieb: Warum fünf leere Fressboxen niemanden interessieren

    Herdentrieb: Warum fünf leere Fressboxen niemanden interessieren

    Wie deutlich sich der Herdentrieb bei Pferden zeigen kann, habe ich heute Morgen wieder beobachtet. Ich habe die drei Islandpferde aus dem kleinen Stall auf die Weide gelassen – und wie fast jedes Mal bot sich dasselbe Bild: Knuti rannte vorneweg, Eyvi folgte ihm und Vissa kam als Letzte hinterher.

    Kaum blieb Knuti stehen, senkte den Kopf und begann zu fressen, stoppten auch die anderen beiden. Offenbar gab es keinen Grund mehr, weiterzulaufen. Einer hatte etwas gefunden, also konnte es für die anderen nicht ganz falsch sein.

    Ich habe dieses Verhalten schon oft beobachtet. An diesem Morgen musste ich trotzdem wieder darüber schmunzeln. Denn manchmal sind Pferde uns Menschen ähnlicher, als wir vermutlich zugeben möchten.

    Die Schlange vor der besetzten Fressbox

    Besonders deutlich wird das im großen Stall. Dort gibt es sechs Fressboxen für Heu. Jede Box wird über eine Zeit- und Erkennungssteuerung geöffnet. Solche automatisierten Fütterungssysteme in der Gruppenhaltung ermöglichen es, die Fresszeiten individuell an die einzelnen Pferde anzupassen.

    Ein Chip erkennt das Pferd und prüft, ob es noch Fresszeit zur Verfügung hat. Wenn ja, öffnet sich die Klappe. Wenn nicht, bleibt sie zu.

    Und jetzt kommt das Kuriose: Fünf Boxen stehen leer. In einer einzigen Box frisst bereits ein Pferd oder wartet darauf, dass sich die Klappe öffnet. Trotzdem stellen sich weitere hungrige Mäuler ausgerechnet dort an. Links und rechts daneben: freie Boxen und gähnende Leere.

    Ich habe sogar versucht, ein Pferd in eine der leeren Boxen zu führen. Es blieb kurz darin stehen. Als die Klappe nicht sofort reagierte, ging es wieder hinaus – und zurück zu der Box, vor der bereits andere warteten. Anstellen scheint in diesem Moment überzeugender zu sein, als eine andere Möglichkeit auszuprobieren.

    Ganz friedlich läuft das nicht immer ab. Kommt ein ranghöheres Pferd dazu, wird das davorstehende Tier schon mal weggeschickt: Ohren angelegt, Hals vorgestreckt, Botschaft angekommen. Wer zuerst gewartet hat, darf deshalb noch lange nicht zuerst fressen. Wie eindeutig Pferde ihre Grenzen mitunter zeigen, habe ich auch im Beitrag „Angelegte Ohren und drei Schritte zurück“ beschrieben.

    Ähnliches sehe ich an den offen zugänglichen Strohraufen. Knabbert dort ein Pferd an ein paar Halmen Stroh, dauert es meist nicht lange, bis das nächste dazukommt und nachschaut, ob dort etwas zu holen ist.

    Ein Pferd wartet vor einer besetzten Fressbox im Offenstall.
    Obwohl weitere Fressboxen frei sind, wartet Lilie ausgerechnet vor der besetzten Box.

    Plötzlich bin ich interessant

    Auf der Weide zeigt sich der Herdentrieb bei Pferden etwas anders. Wenn ich hinausgehe, um Pferdeäpfel abzusammeln, steht zunächst oft kein Pferd in meiner Nähe. Dann kommt eines. Kurz darauf sind es zwei, später fünf – und bei gutem Wetter irgendwann alle.

    Gestern lieferten mir unsere Hausschafe das schönste Beispiel. Ich säuberte die linke Seite der Pferdeweide. Die Schafe standen auf ihrer angrenzenden Fläche und wanderten geschlossen zu mir nach links. Als ich auf die rechte Seite wechselte, zogen sie hinterher. Meckernd und blökend standen sie wenig später wieder in meiner Nähe.

    Dabei hatte ich nichts für sie. Ich machte nur sauber. Vielleicht genügte aber schon die Möglichkeit, dass es bei mir etwas Interessantes geben könnte. Wenn eine losgeht, lohnt es sich offenbar für die anderen, ebenfalls nachzuschauen.

    Antje am Rand einer Weide mit mehreren Schafen im Hintergrund.
    Kaum wechsle ich die Seite, ziehen die Schafe hinterher – obwohl ich gar nichts für sie dabeihabe.

    Mitlaufen ist nicht dasselbe wie folgen

    Neulich sah ich ein Instagram-Reel von einem Bauernhof, das zunächst ähnlich wirkte und doch etwas anderes zeigte. Eine Kuh lief mit ihrem erst wenige Stunden alten Kalb und zwei älteren Kälbern in Richtung Stall. Sie ging voraus. Blieb das Kleine zurück, hielt sie an, drehte um und ging ein Stück zu ihm zurück. Erst dann setzte sich die kleine Gruppe wieder in Bewegung.

    Vor der Fressbox orientieren sich die Pferde daran, wo bereits etwas passiert. Die Kuh dagegen gibt Richtung und Sicherheit. Die anderen laufen nicht nur mit, weil dort schon jemand steht. Sie folgen einem Tier, das den Weg kennt und darauf achtet, dass die Gruppe zusammenbleibt.

    Was der Herdentrieb bei Pferden mit uns Menschen zu tun hat

    Wenn ich ehrlich bin, sind wir davon gar nicht so weit entfernt.

    Ein Reel, ein Sound, ein Ausflugsziel oder ein Produkt wird plötzlich überall gezeigt. Sobald sich genügend Menschen dafür interessieren, ziehen weitere nach. Nicht immer, weil sie selbst geprüft haben, ob es zu ihnen passt. Manchmal reicht schon der Gedanke: Wenn so viele dort stehen, muss es gut sein.

    Die fünf leeren Boxen daneben – also die unbekannteren Möglichkeiten – übersehen wir dabei schnell. Wir stellen uns lieber dort an, wo bereits Betrieb ist. Das fühlt sich sicherer an, als allein etwas Neues auszuprobieren.

    Natürlich ist Orientierung an anderen nicht grundsätzlich schlecht. Sie spart Zeit, vermittelt Sicherheit und hilft uns, Neues zu lernen. Problematisch wird es erst, wenn wir gar nicht mehr prüfen, ob wir dasselbe überhaupt wollen.

    Orientierung geben, ohne den Weg vorzuschreiben

    Daran muss ich auch im Töpferatelier denken. Teilnehmerinnen fragen mich: „Wie mache ich das? Was könnte ich jetzt ausprobieren? Und wie funktioniert dieser Arbeitsschritt?“ Dann zeige ich Möglichkeiten, erkläre eine Technik oder mache den Anfang.

    Ich gebe Orientierung, aber ich entscheide nicht, wie ihr Werkstück am Ende aussehen muss. Manchmal braucht es einfach jemanden, der einen möglichen Weg zeigt. Danach wird ausprobiert, verändert und etwas Eigenes daraus gemacht.

    Auch bei meinen Kindern beobachte ich diese Suche nach Orientierung. Als Teenager lösen sie sich Stück für Stück von der Familie und suchen sich ihre eigene Gruppe. Freundinnen und Freunde beeinflussen, was sie tragen, hören oder unternehmen. Das gehört wohl dazu. Trotzdem wünsche ich ihnen, dass sie zwischendurch auch einen Blick auf die fünf leeren Boxen werfen und sich fragen: Will ich wirklich dort hin, wo gerade alle stehen?

    Vielleicht lohnt sich der Blick nach nebenan

    Der Herdentrieb bei Pferden gibt ihnen Sicherheit. Er hilft ihnen, zusammenzubleiben und sich aneinander zu orientieren. Auch wir Menschen suchen häufig diese Sicherheit – doch manchmal hält sie uns davon ab, eine freie Möglichkeit auszuprobieren.

    Seit ich die Pferde vor der einen besetzten Fressbox beobachte, frage ich mich deshalb öfter: Stelle ich mich gerade nur an, weil dort schon alle stehen? Oder lohnt es sich, eine der fünf freien Boxen genauer anzuschauen?

    Kennst Du solche Situationen von Deinen Tieren oder aus Deinem eigenen Alltag? Schreib es mir gern in die Kommentare.

  • Angelegte Ohren und drei Schritte zurück

    Angelegte Ohren und drei Schritte zurück

    Wie ich lerne, mich in neuen Gruppen zurechtzufinden

    Manchmal reicht ein einziger Pferdeäpfelteppich um sechs Uhr morgens, um etwas über sich selbst zu lernen.

    Was angelegte Ohren beim Pferd damit zu tun haben? Mehr, als ich zunächst dachte.

    Wir haben eine neue Stute im Stall. Bevor ein neues Pferd in die Herde kommt, verbringt es zunächst einige Zeit in der sogenannten Integrationsbox. Das ist ein abgegrenzter Bereich direkt neben dem Offenstall. Dort kann sich der Neuankömmling bewegen, während sich die Pferde über den Zaun hinweg kennenlernen können.

    Eine Woche lang wird beschnuppert, beobachtet und vorsichtig Kontakt aufgenommen. Für die Pferde ist das der normale Weg, um herauszufinden, mit wem sie es zu tun haben. Für mich als Stallfee bedeutet die Integrationswoche vor allem: Chaos.

    Normalerweise liegen die Pferdeäpfel mehr oder weniger in Haufen auf der gesamten Offenstallanlage verteilt. Während der Integrationswoche ist das anders. Alles, was vor dem Zaun der Box liegt, wird zertrampelt, auseinandergezogen und grosszügig verteilt.

    So bekomme ich früh am Morgen einen Teppich ausgelegt. Wortwörtlich.

    Mein erster Gedanke ist dann meistens: «Oh, so’n Scheiss. Sie haben sich wieder richtig Mühe gegeben. Danke auch.»

    Beim zweiten Blick hilft nur noch Humor. «Sie haben mir wieder den Teppich ausgelegt», sage ich zu mir selbst und greife zu Besen und Mistschaufel.

    Was die Ohren verraten, bevor es kracht

    Die Pferde reagierten ganz unterschiedlich auf die neue Stute. Einige waren neugierig, kamen nah an den Zaun heran und richteten die Ohren aufmerksam nach vorn. Andere blieben lieber etwas weiter entfernt, machten einen langen Hals und versuchten, die Neue erst einmal aus sicherer Entfernung einzuschätzen.

    Nur ein Wallach reagierte deutlich heftiger. Normalerweise verhält er sich gegenüber anderen Pferden recht gelassen. Doch sobald er die neue Stute sah, stürmte er auf sie zu und machte ihr unmissverständlich klar, dass sie Abstand halten sollte.

    Ob er damit seine Stute verteidigen wollte, weiss ich nicht. Kurios war die Situation trotzdem: Die Neue ist die Tochter einer Stute, die schon länger bei uns im Stall lebt. Auch bei der späteren Zusammenführung mit der Herde zeigte sich der Wallach alles andere als gnädig. Er hielt die neue Stute auf Abstand und machte seine Grenze sehr heftig und deutlich klar.

    Die Stute selbst reagierte erstaunlich besonnen. Sie beobachtete, registrierte die Signale der anderen und wich zurück, sobald angelegte Ohren oder ein drohend gesenkter Kopf in ihre Richtung kamen.

    Kein Kampf und kein unnötiges Drama – zumindest nicht gegenüber ranghöheren Tieren. Traf sie auf ein ranggleiches oder rangniedrigeres Pferd, kämpfte sie mit der Hinterhand auch mal um ihren Platz, schliesslich musste ihre Stellung in der Herde auch noch klar machen. Aber sobald sie merkte, dass das Gegenüber ranghöher war, ging sie drei Schritte zurück, wartete ab und versuchte es später noch einmal.

    Pferde verständigen sich zu einem grossen Teil über ihre Körpersprache. Angelegte Ohren beim Pferd sind dabei ein ziemlich deutliches Signal: Bis hierhin und nicht weiter. Auch ein gesenkter Kopf oder ein angespannter Körper geben Hinweise darauf, wie das Gegenüber gerade auf ein anderes Pferd oder eine Situation reagiert.

    Wer diese kleinen Signale rechtzeitig erkennt, kann Abstand halten, bevor die Situation unangenehm wird.

    Während ich die neue Stute beobachtete, musste ich daran denken, wie ähnlich ich mich manchmal in einer neuen Gruppe verhalte.

    Pedro mit angelegten Ohren
    Er mag es nicht, wenn man ihm zu nahe kommt. Egal wer. Und manchmal legt er die Ohren mehr oder weniger an.

    Der Moment, in dem ich selbst auf angelegte Ohren traf

    Eine ähnliche Situation habe ich selbst schon erlebt. Ich stand mit einer Gruppe Frauen zusammen, die sich schon lange kannten und eng miteinander befreundet waren. Sie unterhielten sich über Kindersport – zumindest glaube ich, dass es darum ging, ist schliesslich schon eine Weile her.

    Bis dahin hatte ich hauptsächlich zugehört und die anderen beobachtet. Irgendwann kam ein Punkt, zu dem ich ebenfalls etwas sagen konnte. Also platzte ich mit meiner Aussage heraus, ohne auf den richtigen Moment zu warten oder mich vorsichtig in das Gespräch einzuklinken.

    Die Frauen schauten mich verdutzt an. Keine ging auf das ein, was ich gesagt hatte. Das Gespräch lief einfach weiter und ich stand da mit dem Gefühl, gerade einen unsichtbaren Kreis betreten zu haben, in dem für mich noch kein Platz vorgesehen war.

    Vielleicht war mein Einwurf ungünstig. Vielleicht waren die Frauen so sehr in ihrem vertrauten Gespräch, dass sie nicht wussten, wie sie darauf reagieren sollten. Ich weiss es bis heute nicht.

    Ihre Reaktion war trotzdem deutlich. Fast wie ein paar angelegte Ohren, nur unter Menschen.

    Erst beobachten, dann näherkommen

    Seitdem gehe ich in neuen Gruppen etwas vorsichtiger vor. Wenn ich in ein neues Team komme, einen neuen Job anfange oder auf Menschen treffe, die sich untereinander bereits gut kennen, beobachte ich zunächst.

    Wer kennt sich schon lange? Wer redet viel und wer hält sich eher zurück? Wie gehen die Menschen miteinander um? Welche unausgesprochenen Regeln gibt es und wo ist Raum, mich einzubringen?

    Dabei geht es nicht darum, mich kleinzumachen oder mich vollständig an eine Gruppe anzupassen. Ich möchte zuerst verstehen, wie die anderen miteinander umgehen, bevor ich meinen Platz darin suche.

    Manchmal gehe ich gedanklich zwei oder drei Schritte näher und warte dann wieder ab. Nicht aus Angst, sondern weil ich die Situation besser einschätzen möchte.

    Natürlich platze ich trotzdem gelegentlich irgendwo hinein. Manchmal merke ich es sofort. Dann begegnen mir zwar keine Pferdeköpfe mit angelegten Ohren, aber die menschlichen Signale können genauso deutlich sein.

    Ein Schritt zurück ist nicht immer ein Rückschritt

    Die neue Stute hat mir gezeigt, dass Zurückweichen nicht automatisch Unsicherheit bedeutet. Manchmal ist es einfach eine kluge Reaktion: erst beobachten, Abstand halten und später noch einmal vorsichtig näherkommen.

    In einer neuen Gruppe anzukommen, ist ein Prozess. Bei Pferden genauso wie bei Menschen. Es braucht Neugier, Aufmerksamkeit und manchmal eben auch drei Schritte zurück, bevor man den nächsten nach vorn macht.

    Und gelegentlich braucht es zusätzlich einen Pferdeäpfelteppich um sechs Uhr morgens, damit man diese Erkenntnis nicht so schnell wieder vergisst.

    Hast du dich auch schon einmal in eine vertraute Gruppe gewagt und gemerkt, dass du den richtigen Moment verpasst hast? Oder gehörst du eher zu den Menschen, die zunächst beobachten und sich langsam herantasten? Schreib mir gern, wie du solche Situationen erlebst.