Warum sie mir trotzdem den Rücken rettet und mein wichtigstes Werkzeug im Stall ist
Manchmal stehe ich im Stall und rede mit einem Fahrzeug, als wäre es ein störrisches Pferd.
„Komm jetzt. Komm. Mach schon. Lauf vorwärts. Hü.“
Wer mich dabei beobachtet, könnte durchaus denken, ich rede mit einem Pferd. Tue ich aber nicht. Ich rede mit Amanda.
Wer oder was ist Amanda?
Amanda ist mein Dumper. Im Grunde eine elektrische Schubkarre mit zwei Achsen, Raupen statt Rädern und einem Eigenleben, das ich bis heute nicht immer nachvollziehen kann.
Und ja: Sie hat tatsächlich einen Namen.
Der stammt noch aus meiner Zeit im Service. Damals gab es eine Vorgesetzte, mit der ich anfangs nicht besonders gut klarkam. Irgendwann fing ich an, sie für mich Amanda zu nennen. Wenn ich mich ärgerte, konnte ich über „Amanda“ schimpfen, ohne dass jemand wusste, wen ich eigentlich meinte.
Der Frust war raus und danach ging es meistens wieder.
Als mein Dumper vor Jahren seine ersten Macken zeigte und ich jemanden zum Schimpfen brauchte, war der Name deshalb sofort wieder da.
Amanda.
Seitdem habe ich wenigstens einen vernünftigen Ansprechpartner und muss nicht ständig sagen: „Dieser blöde Dumper.“
Wenn Amanda nur noch Vollgas kennt
Im Moment macht Amanda mir das Leben allerdings ziemlich schwer.
Sie hat ein technisches Problem. Meine Chefin weiss davon und der Reparaturtermin steht bereits. Damit ich in der Zwischenzeit nicht komplett auf die Handschubkarre umsteigen muss, darf ich sie trotzdem weiter benutzen. Was ziemlich nett ist. Danke dafür.
Nur leider mit gewissen Nebenwirkungen. Amanda kennt zurzeit nämlich hauptsächlich zwei Zustände:
Vollgas oder Vollbremsung.
Entweder schiesst sie plötzlich los und ich renne hinterher, oder sie bleibt so abrupt stehen, dass ich fast in sie hineinlaufe.
Die blauen Flecken gehören inzwischen offenbar zur Grundausstattung meiner Arbeitstage. Woher sie genau kommen, weiss ich am nächsten Tag meistens schon gar nicht mehr. Auf der Weide habe ich deshalb eine neue Sportart erfunden:
Dumperjogging.
Amanda rast voraus, ich renne hinterher. Cardio inklusive. Ein Fitnessabo brauche ich zumindest dafür nicht mehr.
Bei den Pferden ist sie beliebter als bei mir
Interessanterweise kommt Amanda bei den Pferden wesentlich besser an.
Manche knabbern neugierig an ihr herum. Andere benutzen sie als praktische Schubberstation und reiben sich genüsslich daran.
Und dann gibt es noch die besonders hilfreichen Exemplare. Die schnuppern kurz an Amanda und ihrem Inhalt und lassen ihre Bölle anschliessend direkt daneben fallen.
Kann ich mit leben.

Dann muss ich wenigstens nicht mehr zusammensuchen, sondern nur noch aufladen.
Während die Pferde also ziemlich entspannt mit ihr umgehen, stehe ich hinter Amanda und versuche, sie mit gutem Zureden zur Mitarbeit zu bewegen.
„Komm jetzt. Lauf vorwärts. Hü.“
Von aussen betrachtet vermutlich etwas merkwürdig. Aber irgendwie hilft es. Manchmal jedenfalls.
Warum ich sie trotzdem nicht hergeben würde
Angefangen habe ich meine Stallarbeit ganz klassisch mit der Handschubkarre.

Bölle einsammeln, Schubkarre füllen, zum Mist fahren, ausleeren, zurück und wieder von vorne. So kannte ich es und so funktionierte es.
Irgendwann bat mich meine Chefin, stattdessen den Dumper zu benutzen. Nicht, weil ich zu bequem für die Schubkarre wäre, sondern wegen meines Rückens.
Probleme hatte ich damit ohnehin schon und eine voll beladene Handschubkarre macht die Sache nicht gerade besser.
Mit Amanda kann ich deutlich mehr auf einmal transportieren. Was ich mit ihr in einer Fuhre zum Mist bringe, wären mit der Schubkarre schnell mehrere Fahrten.
Weniger schieben. Weniger schleppen. Weniger Belastung.
Und mein Rücken merkt den Unterschied. Ich wahrscheinlich noch mehr. Denn natürlich kann ich weiterhin eine Handschubkarre benutzen.
Die Frage ist nur: Muss ich es unbedingt?
Im Winter zeigt Amanda, was sie kann
Spätestens im Winter weiss ich ihren Einsatz noch mehr zu schätzen. Amanda hat Raupenketten und schafft damit auch die kleine Steigung zum Misthaufen, wenn Schnee liegt oder der Boden glatt ist.
Mit einer voll beladenen Handschubkarre möchte ich dort ehrlich gesagt nicht unbedingt herumrutschen. Amanda fährt einfach hoch. Zumindest dann, wenn sie gerade Lust dazu hat.
Kein Gym nötig
Ganz ohne körperliche Arbeit komme ich mit Amanda natürlich trotzdem nicht davon.
Wenn ihre Ladefläche voll ist, muss ich sie zum Auskippen anheben. Dabei achte ich inzwischen sehr genau auf das, was mir mein Physio gezeigt hat:
Kraft aus den Beinen holen und den Rücken möglichst gerade lassen.
Früher habe ich über solche Dinge vermutlich weniger nachgedacht. Heute merke ich ziemlich schnell, wenn ich falsch hebe. Und seit ich bewusster darauf achte, funktioniert es mit meinem Rücken deutlich besser.
Ausgerechnet Amanda, die mich regelmässig zur Weissglut bringt, erinnert mich also daran, sorgsamer mit meinem Körper umzugehen.
Schon ein bisschen ironisch.
Vielleicht muss man nicht alles auf die harte Tour machen
Ich glaube, genau darin steckt für mich inzwischen mehr als nur eine Geschichte über einen nervigen Dumper.
Manchmal halten wir ziemlich lange an Dingen fest, nur weil wir sie schon immer so gemacht haben. Ich kann eine Handschubkarre schieben. Natürlich kann ich das.
Aber nur weil ich etwas kann, bedeutet das noch lange nicht, dass ich es mir jeden Tag möglichst schwer machen muss. Ein Hilfsmittel zu benutzen ist keine Schwäche.
Nur weil ich die Arbeit auch mit der Handschubkarre schaffen würde, muss ich es mir nicht unnötig schwer machen. Vielleicht ist es sogar ziemlich vernünftig, sich Unterstützung zu holen, bevor der eigene Körper irgendwann deutlich sagt: Jetzt reicht’s.
Eine Hassliebe eben
Amanda ist launisch. Momentan ist sie auch noch kaputt und bringt mich regelmässig an den Rand meiner Geduld.
Trotzdem würde ich nur im absoluten Notfall wieder dauerhaft zur Handschubkarre zurückkehren.
Sie erledigt in einer Fuhre, wofür ich sonst mehrfach laufen müsste. Sie kommt im Winter den Berg hoch, während ich mit der Schubkarre wahrscheinlich herumrutschen würde. Und ganz nebenbei hat sie mir beigebracht, beim Arbeiten besser auf meinen Körper zu achten.
Manchmal ist das wohl der Deal. Etwas kann uns nerven und trotzdem gut für uns sein.
Wir können darüber schimpfen, hinterherrennen und uns gelegentlich einen blauen Fleck holen – und trotzdem wissen, dass wir es nicht mehr missen möchten.
Amanda und ich?
Wir kommen schon klar.
Auf unsere ganz eigene Art.

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