Neulich fiel mir beim Putzen unserer Haflinger-Stute auf: Mitten im Sommer hat ihr Fellwechsel bereits begonnen.
„Ja, das geht jetzt schon langsam los“, meinte die Besitzerin nur beiläufig – so, als wäre das die normalste Sache der Welt. Für mich ist es das nicht. Jedes Jahr aufs Neue wundere ich mich darüber.
32 Grad und schon Winterfell?
Draussen ist es gerade brütend heiss. Wir Menschen laufen in T-Shirt und kurzer Hose herum. Wer bei dieser Hitze mit dicker Winter- oder Fleecejacke auftauchen würde, würde vermutlich ziemlich schräg angeschaut werden.
Und mittendrin steht ein Pferd, das langsam anfängt, sich auf den Winter vorzubereiten. Kein bisschen Bedarf an zusätzlicher Wärme – zumindest aus unserer menschlichen Sicht. Und trotzdem: Es geht los.
Wenn du darüber nachdenkst, ist das schon ein kurioses Bild. Mensch im Sommerlook, Pferd schon auf dem Weg Richtung Winterpelz – zur gleichen Zeit, am gleichen Ort.
Warum eigentlich schon jetzt?
Mir wurde irgendwann einmal erklärt, dass der Fellwechsel gar nicht hauptsächlich von der Temperatur abhängt, sondern vom Licht – genauer gesagt von der Tageslänge. Und tatsächlich: Wenn ich genauer darauf achte, merke ich es auch bei mir selbst.
Die Tage werden schon wieder kürzer. Morgens um fünf ist es längst nicht mehr so hell wie noch vor ein paar Wochen, und auch abends verschwindet das Tageslicht merklich früher. Logisch betrachtet ergibt das also durchaus Sinn.
Trotzdem fühlt es sich für mich jedes Jahr wieder seltsam an, dass ausgerechnet mitten im Hochsommer schon die ersten Vorbereitungen für den Winter beginnen.
Was die Wissenschaft dazu sagt
Ich habe noch einmal nachgeschaut – und tatsächlich: Mein Gefühl trügt nicht. Der Fellwechsel beim Pferd wird in erster Linie durch die Tageslänge beeinflusst und deutlich weniger durch die aktuelle Temperatur.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Zirbeldrüse im Gehirn. Sie reagiert auf die Dauer von Helligkeit und Dunkelheit und beeinflusst darüber die Ausschüttung des Hormons Melatonin. Werden die Nächte länger, verändert sich der Melatoninspiegel – und damit wird unter anderem auch der jahreszeitliche Fellwechsel angestossen.
Der Wechsel vom Sommer- zum Winterfell beginnt deshalb bereits rund um die Sommersonnenwende. Also genau dann, wenn die Tage langsam wieder kürzer werden. Und das kann eben bedeuten: draussen 30 Grad und mehr, während das Pferd innerlich schon das Programm „Winterfell“ gestartet hat.
Die Temperatur spielt trotzdem eine Rolle. Sie beeinflusst unter anderem, wie dicht und lang das Fell später ausgebildet wird. Der eigentliche Startschuss hängt jedoch vor allem mit den Lichtverhältnissen zusammen.
Interessant finde ich auch, dass selbst dieser jahreszeitliche Rhythmus noch nicht in jedem Detail vollständig erklärt ist. Ich darf mich also weiterhin ein bisschen wundern.
Kurz erklärt: Warum bekommt das Pferd jetzt schon Winterfell?
Der Fellwechsel richtet sich vor allem nach der Tageslänge und nicht danach, wie warm es draussen gerade ist. Sobald die Tage nach der Sommersonnenwende wieder kürzer werden, reagiert der Körper des Pferdes darauf. Über Hormone wie Melatonin wird der jahreszeitliche Fellwechsel angestossen.
Deshalb kann sich das Winterfell bereits entwickeln, während wir noch bei 30 Grad in kurzen Hosen herumlaufen.
Kurz gesagt: Das Thermometer sagt Sommer – die kürzer werdenden Tage sagen dem Pferd bereits: Der Winter kommt.
Wenn man den Fellwechsel am eigenen Leib merkt
Das Verrückte am Fellwechsel ist ja: Du kannst den Haaren nicht beim Wachsen zusehen. Wenn du einfach am Pferd vorbeiläufst, merkst du zunächst gar nichts. Alles verändert sich langsam und Stück für Stück. Spätestens beim Putzen wird es allerdings offensichtlich.
Und bei der aktuellen Hitze ist das eine ganz eigene Erfahrung. Ich bin bei der Stallarbeit ohnehin schon am Schwitzen. Die Haut ist klebrig, das T-Shirt irgendwann ebenfalls – und genau dann fliegen natürlich die Pferdehaare durch die Gegend. Sie landen auf den Armen, im Gesicht, am Hals und überall dort, wo sie möglichst gut haften bleiben. Am Ende sehe ich aus wie ein Bär. Und irgendwie macht das die Hitze gefühlt auch nicht besser.
Manchmal denke ich mir, ich müsste mich vor diesen fliegenden Haaren schützen wie vor einer Gefahrgutwolke: Ganzkörperanzug, Handschuhe, Vollvisier. Als würde ich keinen Pferdestall betreten, sondern einen Chemieunfall untersuchen. Realistisch betrachtet würde ich darin bei 32 Grad allerdings vermutlich schneller kollabieren, als mir irgendein Pferdehaar je etwas anhaben könnte.
Also bleibt es beim klassischen Weg: schwitzen, Haare absammeln und darüber lachen.
Manche Veränderungen merkt man erst, wenn man genauer hinschaut
Diese Sache mit den natürlichen Rhythmen fasziniert mich sowieso. Ich beobachte zum Beispiel bei mir selbst immer wieder, dass es Phasen gibt, in denen mir meine Fingernägel oder Haare plötzlich schneller zu wachsen scheinen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass das mit bestimmten Mondphasen zusammenhängen könnte.
Ob das tatsächlich so ist, weiss ich nicht. Ich habe es weder dokumentiert noch irgendwann systematisch überprüft. Es ist einfach eine dieser persönlichen Beobachtungen, die mir immer wieder auffallen. Vielleicht achte ich irgendwann einmal genauer darauf.
Mich erinnert es jedenfalls an den Fellwechsel der Pferde: Manche Veränderungen passieren über längere Zeit so unauffällig, dass man sie erst bemerkt, wenn man genauer hinsieht. Oder wenn einem plötzlich ein halbes Pferd am T-Shirt klebt.
Im Frühling läuft das Ganze rückwärts
Ein paar Monate später dreht sich das Bild dann komplett um. Im Frühling stehst du vielleicht noch dick eingepackt in deiner Winterjacke im Stall, während das Pferd sein Winterfell bereits wieder Stück für Stück loswird.
Dann wird gebürstet, gestriegelt und noch einmal gebürstet. Nach und nach kommt darunter wieder das kurze, glänzende Sommerfell zum Vorschein. Ich habe dazu einmal ein Bild auf Instagram gesehen, das mich richtig zum Lachen gebracht hat: Mensch in einem Ganzkörperoverall mit Mundschutz, übersäht mit Pferdehaaren daran.
Eigentlich ist es jedes Jahr dasselbe. Wir Menschen schauen auf das Thermometer und denken: Sommer. Das Pferd orientiert sich längst an anderen Signalen und bereitet sich schon auf das vor, was als Nächstes kommt.
Vielleicht ist genau das das Faszinierende daran: Die Natur richtet sich nicht danach, wie sich dieser eine Tag gerade anfühlt. Sie arbeitet längst weiter.
Und wenn du das nächste Mal bei sommerlichen Temperaturen plötzlich wieder mehr Pferdehaare an deiner Kleidung findest als erwartet, weisst du jetzt warum. Der Winter steht nicht unmittelbar vor der Tür. Aber das Pferd weiss offenbar schon, dass er irgendwann kommen wird.
Eine Fusselbürste schadet trotzdem nicht.
